Ihr habt Humor? Werdet Pfarrer*in!

Die Kirche wirbt gerade für den Pfarrberuf. Vielseitig und tiefgründig sei er. Joa, denke ich, stimmt schon, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Was verschwiegen wird ist der deutlich komische (oder komödiantische) Gehalt dieses Berufes:

Das Gefühl, das mich überkommt, wenn man versucht ein Taufgespräch zu führen, aber der Hund der Familie so laut schnarcht, das man kaum ein Wort versteht, das Gefühl, das mich überkommt, wenn die Oblaten, die ich zum Abendmahl von einem Dorf ins nächste mit mir herumschleppe ein Eigenleben entwickeln und sich schließlich überall in meinem Auto befinden (diese kleinen runden Teile sind wirklich, wirklich glatt und rutschig und in meinem Kopf geht die permanente Sirene „Leib Christi, Leib Christi“ (gut das ich nicht katholisch bin)), oder das Gefühl das ich habe, wenn mich eine Frau nach dem Seniorenkreis fragt, was diese Kreise eigentlich bringen sollen und ich nur denke: „Keine Ahnung, sag du es mir!“

Ich glaube, wenn die Kirche mit der Komik dieses Berufen werben würde, hätte sie vielleicht mehr Erfolg. Der Pfarrberuf ist ein Beruf inmitten von Menschen und Leben. Da wird nichts ausgelassen. Nicht mal das Sterben. Aber auch das Sterben hat manchmal eine fast komische Seite.

Oder zumindest das Drumherum um einen Sterbefall hat manchmal durchaus Loriot-Züge.

Ich habe schon mehrfach erlebt, das neben den nächsten Angehörigen, auch noch Angehörige der Angehörigen beim Beerdigungsgespräch dabei waren. Diese Angehörigen der Angehörigen sind oft nicht ganz so betroffen und trauernd wie die Angehörigen selbst und irgendwie bekommen sie schnell das Gefühl, das Ganze etwas beleben zu müssen (Trauer und Tod wird ja bekanntlich oft schwer ausgehalten, vor allem, wenn man damit sonst nicht so konfrontiert wird).

Man darf sich das dann in etwa so vorstellen:

Ich frage oft was der*die Verstorbene für ein Mensch war, was ihm*ihr wichtig war, was die Angehörigen mit ihm*ihr erlebt haben. Nicht selten begegnet mir dabei auch mal Schweigen und das Suchen nach Worten. Das ist einerseits die Trauer, andererseits sind es die Menschen hier oft auch nicht gewohnt von sich zu erzählen, persönlich zu werden.

Das ist dann aber der Punkt an dem sich die Angehörigen der Angehörigen einschalten und…nennen wir es zu motivieren versuchen: „Nun erzählt doch mal!“ oder „Auch mal was Lustiges vielleicht!“ oder „Erzähl doch mal wie der soundso Dings hier gemacht hat.“Das ist wirklich nett gemeint, oft nur leider so gar nicht zielführend.

Wobei ich es auch ein wenig verstehen kann.

Denn das mit dem Schweigen ist ja generell so eine Sache.

Auch ich halte es manchmal schwer aus.

Und wenn das Thema, das ich dem Seniorenkreis mitgebracht habe statt Diskussion nur Stille hervorruft („was war Ihnen denn bisher besonders wichtig in Ihrem Leben“ war vermutlich mal wieder zu persönlich gegriffen), dann ertappe auch ich mich beim Entertainen.

Für die Pointe muss ich zum Glück in den seltensten Fällen selber sorgen.

Auf meine Abschlussfrage welches Thema sie denn beim nächsten Mal gerne machen würden kam auch nur Schweigen.

Ja, gut, dann wohl das.

Räume…

Das Abenteuer Pfarrerin geht weiter, nimmt manchmal ungeahnte Wendungen und Umwege, lässt mich manchmal aus der Puste sein und dann wieder euphorisch summend über Landstraßen fahren.

So langsam kommen wir uns näher, dieser Ort und ich. Beim Autofahren klammere ich mich nicht mehr panisch ans Lenkrad, sondern lasse meinen Blick über die weite schweifen. Ja, gelegentlich macht es sogar Spaß zwischen weiten Felder, dichten Alleen und überhaupt diese ganze Natur zu fahren, die sich vor meine Windschutzscheibe schiebt auf den Wegen zum nächsten Taufgespräch, zur nächsten Gruppe, zum nächsten Meeting.

Die Wege hier sind voller Bäume, die Orte voll leerer Straßen und die Menschen erscheinen mir ehrlich bodenständig. Sie sind anders als die verträumten Städter, die jeden Tag mit dem ganz Großen rechnen. Die Menschen hier hoffen darauf, dass es nicht schlechter wird. Denn die Menschen hier, haben meistens schon viel erlebt.

Und der Ort in dem wir leben ist, so hat es neulich jemand in meiner Gegenwart beschrieben, ist „so wunderbar authentisch“. Er zeugt davon was einmal war und nicht mehr ist. Hier gibt es keine sprudelnden Treffpunkte, hier gibt es Gebäude, die einst groß waren und ihre erhabenen Titel noch tragen, aber keiner rechnet damit, dass sie jemals nochmal so groß sein könnten wie damals.

Und die Kirche? Oder besser gesagt die Kirchen? Die Kirchen füllen sich nur punktuell. Ich frage mich wie es auch anders sein könnte. Damals, als die Stadt noch groß war, aufstrebend und überquellend von Menschen, damals spielte die Kirche eine Rolle. Die Rolle des anderen Raums. Ein Freiraum für all jene, die offen reden wollten, die nicht hineinpassten in das System, die aufständig waren und sich sammelten um zu demonstrieren. Ich habe mit Menschen gesprochen die auf die Straße gingen damals. Die Kirche noch so kennen, als den Raum der Möglichkeiten. Heute ist dieser Raum kein offenkundiges Bedürfnis mehr von vielen. Zu unterschiedlich sind die Themen der Menschen heutzutage.

Und hier sind die Menschen vielleicht auch zu alt. Die Jungen gehen fast alle weg, denn für sie gibt es hier kaum Pespektiven. Und Perspektiven entwickeln sich nicht, denn die jungen Menschen, die die Energie und die Träume hätten, gehen der Gegend verloren bei ihrer Wanderung in die Zukunft.

Bald bekomme ich Besuch von der Tochter eines früheren Pfarrers hier. Sie ist neunzig und in dem Pfarrhaus aufgewachsen in dem ich nun wohne. Sie möchte mich treffen, noch einmal durch die Räume ihrer Kindheit und Jugend gehen, die Kirche sehen und sich mit mir unterhalten. Sie wird mir erzählen, von den lauten und vollen Zeiten dieser Stadt. Jene Zeiten in denen die Stadt noch wusste wo es hingeht, und als die Kirche der andere Raum war, der Raum der Freiheit. Ich freue mich auf ihren Besuch. Und auf die Geschichten die sie mitbringen wird von damals. Und ich hoffe, dass ich ihr das Gefühl geben kann, dass dieser Ort hier noch immer Zukunft hat, wenn auch vielleicht ganz anders, als man damals geglaubt hat.

Vom Auferstehen und Missverstehen

Das erste Osterfest als Pfarrerin liegt nun hinter mir. Und was soll ich sagen, es war…interessant.

Eine Woche voll mit Gottesdiensten. Fünf an der Zahl (verglichen mit anderen Landpfarrer*innen eine sehr humane Anzahl).

Der Gottesdienst im Seniorenwohnheim in der Passionswoche lief gut. Abgesehen davon, dass es dort kein einziges Gesangbuch gab und ich spontan mein Handy nach dem Liedtext befragen musste (die Besucher*innen waren, glaube ich, nur leicht irritiert).

Als nächstes: Gründonnerstag. Für nächstes Jahr merke ich mir: selbstgebackenes Brot ist super, nur sollte man die Stücke nicht so groß schneiden, dass man erstmal fünf Minuten kaut.

Und dann kam Karfreitag.

Und das war, ich erwähnte es schon, interessant. Der erste Gottesdienst an diesem Tag war um 9 Uhr in meinem Depridorf. Das ist gar nicht böse gemeint, eher tragisch. Meine Erfahrung mit diesem Dorf ist nämlich genau so. Irgendwie deprimierend. Seit ein paar Jahren ist die Teilnehmerzahl in Gottesdiensten und anderen kirchlichen Angeboten, dort rapide gesunken. Meist sitzt man dort nur noch mit vier oder fünf Menschen. Ich persönlich fände das durchaus ok, aber die Menschen dort finden es nicht toll und dementsprechend ist es leider meist eher traurig dort.

Nun ja traurig passt ja durchaus zu Karfreitag und die sechs Menschen, die sich zum Gottesdienst um 9 Uhr auf den Weg gemacht hatten machten ihrem Ruf alle Ehre. Da ich keinen Musiker mit hatte gab es Musik aus dem CD-Spieler. Diesen hatte ich vorne, seitlich auf dem Boden stehend bei der Steckdose platziert. Was ich nicht bedachte bei der Auswahl des Ortes war, das genau dort auch der schöne Taufengel recht tief von der Decke herabhängt.

Es war wirklich eher eine traurige Veranstaltung. Kaum einer sprach mit und auch die Musik vom Band animierte kaum jemanden zum mitsingen. Die Gemeinde schwieg, während ich mich sehr bemühte (zwischen Altar, CD-Spieler (CD wechseln, Musik an), Bank (während der Lieder), CD-Spieler (Musik wieder aus) und wieder Altar) liturgische Präsenz auszustrahlen.

Nächstes Lied: Musik an, singen (allein!), CD wieder aus und beim wieder aufstehen: Krawumm! Das war mein Kopf, der genau in diesem Moment eine nicht besonders sanfte Bekanntschaft mit dem Taufengel machte.

Ein Raunen ging durch die Menge. Endlich eine Reaktion der Gemeinde! Mir schwirrte der Kopf. Ob von der unerwarteten Reaktion, oder dem Stoß kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass mir dieser Moment in Erinnerung bleiben wird. Endlich ein wenig Lebendigkeit im Gottesdienst, auch wenn ich mir dafür fast eine Gehirnerschütterung zuziehen musste.

Erster Gottesdienst geschafft.

Schnell die Kollekte zählen, alles einpacken und weiter.

Ich kam etwas gehetzt an, denn es hatte alles doch etwas länger gedauert, als geplant. Empfangen wurde ich vom Kirchdienst mit einem etwas aufgeregtem Schwall an Worten. In meinem eigenen Gehetze verstand ich nur Wortfetzen: irgendwas von Abendmahlsgeschirr, Grünspan und Glaskanne.

Ich schaute zum Altar: ah ok, das Abendmahlsgeschirr hatte Grünspan (auf den Dörfer gibt es fast nur einmal im Jahr Abendmahl, so dass das Geschirr nicht sonderlich regelmäßig in Gebrauch und das Prozedere auch entsprechend ungewohnt ist). Deshalb stand nun eine Glaskanne dort auf dem Altar. Ich nahm das zunächst so hin.

Erstmal mit dem Gottesdienst beginnen, dachte ich, es wird höchste Zeit.

Die Stimmung in diesem Dorf war eine komplett andere. Der Posaunenchor spielte und es waren insgesamt etwa 23 Menschen anwesend, die mitsprachen und mitsangen!
Es war wirklich schön!

Das Abendmahl rückte näher und ich schielte verstohlen auf das Abendmahlsgeschirr, als ich alles bereitstellte. Da stand tatsächliche eine GlasKANNE. Also so ein Ding mit dem man Flüssigkeit in Gläser oder Becher gießen konnte, aber was nun wirklich nicht zum Trinken geeignet war. Der Brotteller erschien mir riesig und die Kanne mehr als ungeeignet. Aber es half ja nichts. Da müssen wir jetzt durch dachte ich und teilte das Abendmahl aus.

Nach dem Gottesdienst kam die Frau vom Kirchdienst zu mir: sie hätte sich da wohl etwas missverständlich ausgedrückt. Nur die Kanne hätte Grünspan! Der Kelch, auf den sie den Brotteller gestellt hatte (!), wäre vollkommen in Ordnung, den hätte ich ruhig nehmen können.

Ja, nun, was soll ich sagen. Die irritierten Blicke die ich während der Austeilung geerntet habe sprechen immerhin dafür, dass dieses Gottesdiensterlebnis nicht so schnell vergessen werden wird.

So viel zu liturgischer Präsenz.

Und dann Ostersonntag. Ein wirklich schöner Familiengottesdienst.

Über die Komplikationen die jedoch dort hin geführt haben, über kirchliche Mitarbeiter*innen und rollende Steine vielleicht ein anderes Mal.

Der Herr ist auferstanden.

Halleluja!

Vom Weggehen…

Mein letzter Eintrag hier ist eine Weile her. Um genau zu sein kommt es mir fast vor wie genau 389 Jahre (so in etwa). Seit dem ist viel passiert. So viel, dass es nicht mal in 10 Artikel, geschweige denn in einen passt.

Denn seit ich hier das letzte Mal geschrieben habe, habe ich mein erstes eigenes Auto gekauft, bin zum allerersten Mal umgezogen, habe den Titel Pfarrerin erhalten, habe gelernt wieder Schaltwagen zu fahren, habe zum ersten Mal in meinem Leben ein Kinderzimmer eingerichtet, habe gefühlt 10 000 neue Menschen kennengelernt (von denen einige so Sachen sagen wie „Frau Pastorin“), habe zum ersten Mal in meinem Leben eine neue Adresse Auswendig gelernt (außer damals, als es neue Postleitzahlen gab, wisst ihr noch? aber das zählt nicht), habe eine Schramme in mein (Oh mein Gott meins!) Auto gefahren und bestimmt noch 100 andere verrückte, neue Dinge getan.

Wenn ich jemandem erzählen sollte wie mein Leben jetzt aussieht wüsste ich gerade nicht welche Situation es besser beschreibt:

Ist es der Moment in dem ich mit einem geflüchteten Menschen aus dem Iran versuche ein Taufgespräch zu führen? Zwischen uns zwei Menschen: der eine übersetzt das, was der potentielle Täufling sagt von Farsi in irgendeine andere Sprache, der nächste von dieser Sprache ins Englische und dann komme ich und andersherum. Alles was bei mir ankam war „ich möchte Christ sein!“ und das er Jesus gut fände. Eigentlich ja alles super, nur das das gar nicht meine Fragen waren.

Oder ist es der Moment, wo ich, von einem Beerdigungsgespräch kommend schon knapp dran bin für den nächsten Termin, einmal falsch abbiege und mich plötzlich auf der Autobahn ohne Wiederkehr befinde. Gefühlte Kilometer ohne Abfahrt.

Oder ist es der Moment in dem eine Frau in einem der Seniorenkreise eine Geschichte davon erzählt, wie eine Frau von einem Menschen mit Migrationshintergrund beklaut wird (mein Körper, in Reaktion auf die erwartete Fremdenfeindlichkeit, der ich nun im nächsten Moment entgegentreten muss, bekommt schon Herzrasen und Schweißausbrüche) und dann im letzten Moment stellt besagte Frau fest, dass sie ihre Sachen nur am falschen Ort gesucht hat (es war quasi eine Erzählung mit Pointe; bei mir: Erleichterung und leicht schlechtes Gewissen ob meiner eigenen Vorurteile).

Oder sind es die Momente im Pfarrkonvent, wo man eigentlich ne Liveübertragung in irgendeine Stand-up-Comedy-Show machen könnte: Da ist natürlich der Kirchenmusiker der jedes Stück spielt, als würde jemand zu Grabe getragen, und natürlich ist da auch der Pfarrer der immer zu allem noch etwas zu sagen und natürlich ist da die Jugend (bei Pfarrern bedeutet das: alle Menschen, die noch nicht die 50 erreicht haben), zu der ich selbst zähle und deren Motto sein muss: „das muss doch alles auch irgendwie anders gehen!“

Vielleicht ist der Moment der die letzten Monate am Besten beschreibt aber auch dieser hier:

Ich bin gerade eingetroffen zum Beerdigungsgespräch. Vor mir sitzt der Angehörige und guckt mich schockiert an.“ Bitte verzeihen Sie“ sagt er schließlich, „aber Sie machen jetzt die Beerdigung? Sind sie dafür nicht etwas zu jung?“ Am liebsten hätte ich gesagt: Ja, Sie haben recht, wahrscheinlich bin ich einfach für all das hier viel zu jung. Stattdessen hab ich ihn davon überzeugt das ich das kann. Denn so macht man das ja als Pfarrerin. Glaube ich zumindest.

 

Vom niemals Weggehen…

Ich bin ziemlich beständig. Man könnte es auch langweilig nennen.

Langweilig war der Titel vor dem ich irgendwie im Hinterkopf immer Angst hatte. Beständig habe ich mir mehr selber dazu gedacht, um dem „langweilig“ etwas entgegen zu setzten.

In unserer unglaublich flexiblen Welt in der Mobilität ein hohes Gut ist und der Auslandsaufenthalt oft dazugehört bin ich niemals irgendwo hin gegangen. Also im Urlaub bin ich schon gewesen und hab damit auch schon ein bisschen was von der Welt gesehen, aber ich bin nie dauerhaft weg gewesen.

Am Ende bin ich sogar so langweilig, das andere es sogar schon wieder interessant finden. Ich bin nämlich sogar noch nicht einmal umgezogen in meinem Leben. In dieser Wohnung, in der ich gerade sitze und schreibe bin ich bereits als Baby gekrabbelt, habe meine ersten Schritte getan, hier habe ich gespielt, geträumt, gelernt. Ich bin hier erwachsen geworden, habe meine Mutter ausziehen sehen, bin mit meinem Freund zusammengezogen und habe meine eigenen Kinder nach der Geburt in genau diese Wohnung, in unser Zuhause, gebracht.

Ich weiß nicht wie es ist eine andere Wohnung, ein anderes Haus, eine andere Straße, geschweige denn einen anderen Ort mein Zuhause zu nennen. Das war mir schon oft unangenehm. Nicht weil ich lieber woanders wohnen würde, sondern weil andere es komisch finden. Das Weggehen, das Umziehen, das ist normal. Aber immer zu bleiben? Nicht mal ein halbes Jahr woanders? Ich bin schon ein kleiner Freak.

Natürlich war das Bleiben nicht immer eine bewusste Entscheidung. Vieles ergibt sich im Leben. So ergab sich bei mir auch oft das Bleiben. Die große Stadt in der ich lebe ist natürlich von Vorteil. Hier ist es bunt genug für viele verschiedene Leben am selben Ort. Und doch hängt das Bleiben natürlich auch mit mir selber zusammen. Ich trenne mich schwer. Von Menschen, von Gewohnheiten, offenbar sogar von Wohnungen.

Natürlich hat auch mein Leben einige Wendungen gehabt. Es hatte aber auch immer große Konstanten. Ich liebe es Menschen kennen zu lernen. Ich liebe es aber auch Menschen in meinem Leben zu halten. Das Bleiben ist zu einer Art Lebenskonzept geworden. Ich gehe nicht weg. Denn mein Leben hier, meine Eltern, meine Freunde, unser Alltag, wir, das ist für mich Familie. Da geht man nicht weg. Man bleibt, so dicht wie es geht und schafft dieses Leben, all das Schöne, aber auch das Schwere gemeinsam. Ich weiß es geht auch über die Distanz. Ich kenne es, weil natürlich auch Menschen die ich liebe schon weggegangen sind oder sowieso woanders lebten. Aber dennoch, wenn ich es mir aussuchen könnte, ich würde all diese Menschen hierher holen. Ich würde ein ganzes Haus, besser noch eine ganze Straße mieten, einen 1a Kaffeeladen mit bestem Kuchen in einem Laden dieser Straße platzieren und wäre auf immer glücklich.

Aber das Leben ist anders. Es ändert sich. Der Tag wird kommen. Ende des Jahres steht er an, mein allererster Umzug.

Viele sagen:

„das wird dir gut tun“

„du wirst sehen, so ein Umzug ist oft eine Bereicherung“

„vielleicht wird es auch mal Zeit“.

Sie mögen Recht haben diese Vielen. Vielleicht ist es an der Zeit. Vielleicht wird es gut. Sie haben die Erfahrung ja zu allermeist gemacht. Sie wissen wie es ist irgendwo neu anzufangen.

Was sie aber nicht wissen ist, wie es ist zu bleiben und das auch das oft eine Bereicherung ist.

Handybeziehung

Ich hab ja mit meinem Mann eine Handybeziehung.

Das heißt wir kommunizieren sehr viel über Nachrichten. Manchmal hab ich das Gefühl wir reden fast mehr, wenn wir nicht beieinander sind, als wenn wir beide Zuhause sind,. Denn dann sind wir meistens zu beschäftigt mit den Kindern mit dem Haushalt und was sonst noch so zu erledigen ist. Wir schreiben uns Nachrichten schicken uns Fotos oder auch mal einen Link. Wir besprechen was wir einkaufen, welches Kind gerade nicht zum Verzehr geeignete Knete gegessen hat und wer nun diesmal beim Giftnotruf anrufen muss oder auch, ob wir heute Abend lieber Harry Potter oder House of Cards gucken. Tatsächlich kommunizieren wir manchmal sogar über Handy, wenn wir beide in der selben Wohnung sind. Z.B. wenn einer von uns gerade versucht ein Kind zum einschlafen zu bewegen.

Es kommt auch vor, das wir beide nebeneinander auf dem Sofa sitzen, beide mit dem Handy in der Hand. Manchen mag das unromantisch erscheinen, aber andere Paare führen ja auch nicht permanent tiefgreifende Gespräche. Ich kann so eine Handybeziehung durchaus empfehlen. Bei uns klappt es jedenfalls gut.

Es hat viele Vorteile nicht erst am Abend nochmal alles raufzuholen, was einen über den Tag hinweg beschäftigt hat. Ich muss nicht sagen „heute mittag hat das Baby Avocado gegessen und sich das Zeug bis sonst wohin geschmiert“, denn das Fotos hat er längst gesehen. Und er muss nicht sagen „man war es heute langweilig“, denn das weiß ich längst anhand der Fülle an Nachrichten die er mir geschickt hat mit „was machst du gerade?“

Es gibt auch Freunde mit denen ich eine Handybeziehung führe. Wie wahrscheinlich viele andere Menschen da draußen.

Und wenn ich ehrlich bin hoffe ich, dass ich auch mit meinen Kindern irgendwann eine Handybeziehung führen werde, oder wie auch immer man die Geräte dann nennen wird. Denn man ist viel näher dran an diesen Menschen. Nur ein paar Zeichen entfernt. Die Große spielt bereits mit großem Vergnügen Handytippen. Was bin ich stolz;-)

Ich bin die…

Ich bin die mit etwas mehr als 1,5 Kindern.

Ich bin die, die nach der Schule einfach mal angefangen hat zu studieren.

Ich bin die, die nach 2,5 h Rollenspiel mit der Tochter nicht mehr so richtig weiß, ob sie gerade der Hund, das Baby oder die Oma ist.

Ich bin die, die mal Kaffeesüchtig war und nun schon seit 4 Jahren clean ist.

Ich bin die, die niemals Fusßballspielen gelernt hat, obwohl sie als Kind nicht stillsitzen und sehr schnell rennen konnte.

Ich bin die, die an das Gute im Menschen glauben möchte.

Ich bin die die manchmal verzweifelt an der Ungerechtigkeit der Welt.

Ich bin die, die ist wie tausend andere Menschen.

Und ich bin die, die manchmal ganz anders ist.